EAP Employee-Assistance-Program

 

Haben Sie auch keine Zeit?

Sind sie auch eingebunden in viele verschiedene Rollen, ständig damit beschäftigt, die damit verbundenen fremdbestimmten oder selbst gewählten Aufgaben zu erfüllen? Immer bemüht alles bestmöglich zu machen, mit allem was Sie tun gut in der Zeit zu liegen, als wäre ihr Tageslauf eine Sportveranstaltung bei der es um Gewinnen oder Verlieren geht oder zumindest darum im Vergleich gut abzuschneiden.

Klar. Keine Zeit zu haben, gefragt und gefordert zu sein, gebraucht zu werden, viele Rollen nebeneinander gut zu erfüllen, bis an die eigenen Grenzen zu gehen, sich hart am Abgrund der Überforderung zu bewegen, gibt gesellschaftliche Anerkennung. Im Beruf top zu sein und aufzusteigen, ein guter Partner, ein immer gutgelaunter, liebevoller Vater zu sein, bei Ehrenämtern nicht nein zu sagen und auch noch in einem sportlichen oder kreativen Hobby Leistung zu zeigen, dafür gibt´s verbale Streicheleinheiten vom sozialen Umfeld und von sich selbst das gutes Gefühl wertvoll und nützlich zu sein.

Und wie halten wir es mit unseren Kindern? Aus lauter Angst etwas falsch zu machen,  eines ihrer möglichen Talente nicht zu erkennen und brach liegen zu lassen, ihnen eine Chance nicht zu geben, ihnen etwas nicht zu bieten, was ihnen gut täte (wir wissen ja oft aus eigener Kindheit, wie das ist, Chancen nicht gehabt zu haben), überfrachten wir ihre Zeit mit Aktivitäten: regelmäßig ein bis zwei Sportarten (man muss ja erst mal sehen, wo die Talente liegen), Musikschule, Ballett, Malschule, vielleicht noch das frühzeitige Erlernen einer Fremdsprache (man weiß ja, je jünger, um so einfacher und unbefangener lernt man Sprachen), vielleicht noch einen Computerkurs (man muss die Kinder ja für das Berufsleben und den Konkurrenzkampf fit machen). Es gibt so viel Gutes, was wir unseren Kindern antun können, aber muss es denn alles auf einmal sein? Muss es zum frühest möglichen Zeitpunkt sein? Die Terminkalender mancher Kindergartenkinder ist gefüllt wie der eines Erwachsenen. Weniger wäre hier mehr. Sicher brauchen Kinder Förderung und Anregung. Aber ebenso nötig brauchen sie selbstbestimmte Zeit. Zeit zum selbstbestimmten Spiel mit selbst bestimmten Materialien, Zeit zum Träumen und Ideen entwickeln, Zeit zum Verwirklichen ihrer Ideen und Zeit zu selbstbestimmten Kontakten mit selbstgewählten Freunden. Natürlich ist intellektuelle, musische und sportliche Förderung wichtig und die Qual der richtigen Wahl mühsam. Aber indem wir unseren Kindern Freiräume, zeitliche Spielräume lassen, geben wir Ihnen mehr für ein zufriedenes Erwachsenenleben als durch ständige Überförderung (das ist kein Druckfehler). Denn Kinder, die gelernt haben ihre Zeit mit eigenen Ideen zu gestalten, können auch als Erwachsene eher ein selbstbestimmtes kreatives Leben führen.

Was tun wir mit dem bisschen Freizeit, die uns nach all dem, was wir tun müssen und glauben tun zu müssen, noch bleibt? Auch hier suchen wir nach Zeitstruktur. Smartphone, Tablet, PC, Fernsehen bestimmt den Tagesablauf vieler Familien. Mahlzeiten, familiäre Aktivitäten werden nach dem Sendeplatz bestimmter Sendungen ausgerichtet. Sie haben in vielen Familien Vorrang vor gemeinsamen Aktivitäten und Gesprächen. Es gibt Familien in denen die Glotze nach dem Aufstehen angeschaltet wird und erst mit dem zu Bett gehen zum Schweigen gebracht wird. Schon beim Frühstück liegen Smartphone und Tablet immer griffbereit und werden genutzt. Nur ja nichts verpassen! Was leben wir mit unserem Verhalten unseren Kindern vor? Wollen wir wirklich, dass sie an unserem Modell lernen?

Warum suchen wir, die wir Freiheit und Selbstbestimmung als selbstverständliche Grundrechte ansehen, auch in der Frei-zeit, also in der Zeit in der wir die Freiheit haben uns selbst zu bestimmen, nach Zeitstruktur, nach Regelung unserer Zeit, nach Festlegung. Brauchen wir die Fremd- oder Selbstkontrolle unserer Zeit, haben wir den Aberglauben, es könne nichts unvorhergesehenes unerwünschtes passieren, wenn wir alles kontrollieren, auch die Zeit. Oder wissen wir nichts mehr mit uns anzufangen? Sind wir uns in unseren Bedürfnissen so fremd geworden, dass wir vor uns selber fliehen?  Macht es uns zu viel Mühe, ist es zu unbequem, zu spüren, was uns guttut? Ist es für uns ein zu großes Wagnis, uns auf uns selber einzulassen, unsere Gedanken fliegen zu lassen und abzuwarten, was da kommt?

Solche Momente der Muße für das freie Gedankenspiel sind Quellen der Kreativität. So habe ich die besten Ideen nicht, wenn ich mich an den Schreibtisch sitze mit dem inneren Auftrag Ideen zu produzieren, sondern meist dann, wenn ich mir gönne meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Dann können sie nämlich freiwillig unter anderem auch zur Arbeit wandern. Ich genieße es, echte freie Zeit, ob allein oder mit meiner Familie, zu haben, um mich einzulassen auf das, was da kommt aus mir, aus uns, aus meinen, aus unseren Gedanken oder was der Zufall mir, uns schenkt.  Diese Zeiten ohne Plan, ohne das Muss zur Aktivität sind für mich auch Quellen der Kraft, Tankstelle für neue Energie, die ich brauche, um meine Rollen zur Zufriedenheit aller, auch meiner eigenen, ausfüllen zu können.

Und denken wir zurück an unsere Kindheit. Was ist uns in guter Erinnerung geblieben? Sind es irgendwelche Fernseh-Highlights, von denen wir glaubten, sie unbedingt sehen zu müssen, sind es mit Aktivität vollgestopfte Events, Veranstaltungen, die wir besucht haben, oder sind es Gespräche mit für uns prägenden Inhalt, unverhoffte Momente der Begegnung mit Menschen, die für uns von Bedeutung sind, die entstehen konnten, weil wir Zeit füreinander hatten und offen füreinander sein konnten. Auch zufällige Begegnungen mit der Natur, Naturschauspiele des Wetters, unverhoffte Begegnungen mit Tieren, die man nur von Bildern kennt, können solche Perlen der Erinnerung sein.

Sind wir überhaupt noch in der Lage, den Wert solcher Dinge zu erkennen und auch unseren Kindern zu vermitteln? Können wir überhaupt noch davon lassen, uns und unsere Familie ständig und natürlich in bester Absicht zu verplanen? Sicher, alle tun das so. Aber haben wir den Mut gegen den Strom zu schwimmen. Lassen wir uns ein auf das Wagnis der Planlosigkeit, geben wir dem Zufall das Heft in die Hand, haben wir den Mut zur Muße.


 
 
 
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